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Nordschleife: Racing ohne Limits

Der Schreck war groß und die Maßnahmen waren drastisch: Im vergangenen Jahr galten auf der Nordschleife Tempolimits, die beim Qualifikationsrennen 2015 ihre Premiere hatten. Sie wurden notwendig, nachdem ein schwerer Unfall im Rahmen des VLN-Auftakts 2015 die Sicherheit von Aktiven und Zuschauern auf der Nordschleife infrage gestellt hatte. So beschloss die deutsche Motorsport-Hoheit DMSB gemeinsam mit dem Streckenbetreiber und den Veranstaltern von VLN und 24h-Rennen umfangreiche Sofortmaßnahmen. Sie gewährleisteten, dass Motorsport auf der schönsten und längsten Rennstrecke der Welt überhaupt möglich blieb. Nun – genau ein Jahr später – sind viele Punkte umgesetzt worden: Neue Regeln, neue Anforderungen an die Fahrer und Fahrzeuge, Umbaumaßnahmen an der Strecke, zusätzliche Sicherheitseinrichtungen: All dies sorgt dafür, dass es beim 24h-Qualirennen wieder ohne Tempolimit zur Sache gehen kann.

Mehrere Arbeitsgruppen haben im vergangenen Jahr die Maßnahmen erarbeitet, die nun wirksam werden. Wohl selten haben so viele Parteien an einem motorsportlichen Regelwerk gefeilt. „Das Paket beruht auf einem Prozess, an dem viele Experten beteiligt waren“, bestätigt DMSB-Präsident Hans-Joachim Stuck, der die Nordschleife als ehemaliger Rennfahrer selbst aus dem Eff-Eff kennt und liebt. „Die Spezialisten des DMSB haben mit dem Rennstreckenbetreiber, Serien- und Rennorganisatoren, Vertretern der Streckensicherung am Nürburgring, Fahrervertretern und Fahrzeugherstellern kooperiert, um viel Know-how einfließen zu lassen und zugleich einen großen Konsens zu finden. Das gemeinsame Ziel, den Motorsport auf der Nordschleife sicherer zu machen, ohne dass die Rennen für Fahrer und Fans an Attraktivität einbüßen, haben wir erreicht.” Zu den Ergebnissen gehören insbesondere eine Verbesserung des Zuschauerschutzes in verschiedenen Streckenabschnitten und eine deutliche Reduzierung der Performance der Top-Fahrzeuge. Auch die Fahrvorschriften wurden modifiziert.

Zusätzliche Sicherheitszonen am Nürburgring
Schon im Herbst 2015 rollten auf der Nordschleife die Bagger an: Nachdem das letzte Rennauto die Strecke verlassen hatten, wurden die Maßnahmen umgesetzt, die der Rennstreckenbetreiber gemeinsam mit Sicherheitsexperten erarbeitet hatte und die mit der Streckenkommission des Automobil-Weltverbandes FIA abgestimmt wurde. So wurde sichergestellt, dass die Streckenlizenz auch weiterhin für Top-Fahrzeugklassen wie die GT3-Kategorie gilt. Neben der Beseitigung von Bodenwellen gehörten dazu die Einrichtung von zusätzlichen Sicherheitszonen sowie die Installation zusätzlicher Leitplanken und FIA-Zäune an bestimmten Stellen. „Die Strecke macht auch nach dem Umbau riesigen Spaß“, beschreibt Dirk Müller (Mercedes-AMG GT3). „Die neue Passage am Flugplatz ist nicht ohne. Das ist eine sehr herausfordernde Kurve geworden. Ganz anders als vorher. Momentan ist noch nicht so viel Grip dort, der wird sich erst im Laufe der nächsten Rennen aufbauen. Der Winkel des Plateaus dort oben ist anders geworden.“

Fahrzeuge: Spannender Sport trotz Leistungsbeschneidung
In einer Arbeitsgruppe, in der unter anderem Vertreter der Automobilhersteller und Technikexperten des ADAC Nordrhein vertreten waren, wurde die Performance der Top-Klassen ins Visier genommen. In den Klassen SP7, SP-9/GT3, SP-Pro und SP-X wird die Motorleistung im Vergleich zum Saisonbeginn 2015 um zehn Prozent reduziert. Auch in puncto Aerodynamik werden diese Fahrzeuge eingeschränkt – dazu gehören etwa Luftöffnungen in den vorderen Radhäusern und die Festlegung eines Mindest-Bodenabstands. Der Attraktivität der Fahrzeuge tut das keinen Abbruch: Beim Auftakt zur VLN sahen die Fans spannenden Motorsport ohne Speedlimits – auch zur Freude der Fahrer. „Ich finde natürlich super, dass es keine Speedlimits mehr gibt“, formulierte etwa Maro Engel. Der FIA-GT-Champion von 2015 bringt auf den Punkt, was vielen Fahrern und Fans zuvor auf dem Magen lag: „Eine Rennstrecke mit Speedlimit ist natürlich ein Widerspruch in sich, und ich denke, dass alle Fahrer über die Abschaffung glücklich sind. Ein großes Lob an alle Beteiligten. Die Änderungen haben sich beim ersten VLN-Lauf bewährt, wir können uns auf ein tolles 24h-Rennen freuen.“

„Nordschleifen-Führerschein” wird überarbeitet
Die weltweit einzigartigen Verhältnisse bei Langstreckenrennen auf der Nordschleife hatten im Vorjahr zur Einführung der „DMSB Permit Nordschleife” (DPN) geführt – einer Art „Nordschleifen­Führerschein”, der für die verschiedenen Veranstaltungstypen mehrstufig aufgebaut ist. Das Grundprinzip – Aufstieg in höhere Rennklassen erst mit Nachweis einer gewissen Erfahrung – wurde nun verfeinert. Ausnahmen für Einsteigerklassen auf der einen und Profirennfahrer auf der anderen Seite wurden klarer formuliert. „Wir haben sehr viel detaillierter als bislang festgelegt, mit welchen Voraussetzungen Fahrer die Stufen A und B der Permit erlangen können”, so DMSB-Präsident Stuck. „Wichtig war aber allen Beteiligten, dass sich jeder Rennfahrer – egal, ob Newcomer oder erfahrener Pilot – mit den speziellen Verhältnissen auf der Nordschleife intensiv auseinandersetzt. Die große Anzahl der Fahrzeuge, die unterschiedliche Performance, das besondere Streckenlayout und nicht zuletzt die Signalgebung bei Gefahren: Die Kenntnisse über diese Besonderheiten für Langstreckenrennen auf der Nordschleife muss jeder Fahrer nachweisen.” Dazu wurde ein kostenloses E-Learning-Tool der DMSB Academy eingerichtet, mit dem sich jeder Lizenznehmer auf die schwierigste Rennstrecke der Welt vorbereiten muss.

Fahrer erarbeiteten neue Code-60-Regeln
Wenn es auf der Nordschleife zu einem Unfall gekommen ist, dann zeigen die Streckenposten während der Bergungs- und Aufräumarbeiten das Code-60-Signal. Gegenüber der bisherigen Praxis wurden die Regelungen dazu deutlich verändert. Ab 2016 wird bei Gefahr die gelbe Flagge doppelt geschwenkt, dann gilt maximal Tempo 120. In den Fällen, wo an anderen Rennstrecken das Safetycar zum Einsatz käme, wird die gelbe Flagge und zusätzlich eine Code-60-Flagge gezeigt, ab dort gilt Tempo 60. Die grüne Flagge hebt Tempolimits und Überholverbot auf. Durch diese Temporeduktion in zwei Stufen soll die Gefahr von Auffahrunfällen reduziert werden, gleichzeitig wird die Anzahl der Code-60-Zonen drastisch verringert, weil sie nur noch ausgelöst werden, wenn etwa Marshalls auf der Strecke agieren oder die Rennstrecke tatsächlich blockiert ist. Frank Stippler (Audi R8 LMS) hat – wie seine Kollegen – die neuen Regelungen beim ersten VLN-Lauf kennen gelernt und bestätigt: „Die neue Code-60-Regelung mit einer zweistufigen Geschwindigkeitsreduzierung ist sehr gut: Jetzt muss man nicht aus Topspeed direkt auf 60 km/h herunterbremsen, sondern zunächst einmal auf 120.“